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Fremdschämen oder: Shorts in Kathedralen


Nachdem Sabine kürzlich über einen etwas lärmigen Hotelaufenthalt schrieb, erinnerte ich mich prompt an diverse Fremdschäm-Attacken, die ich in den letzten 15 Jahren erlebt habe. Vor allem in großen Hotelanlagen und in der Hauptsaison kommt man aus dem Fremdschämen für seine Landsleute manchmal gar nicht raus. Blöderweise sind solche Hotelanlagen, solange die lieben Kinderlein klein sind, die praktikabelste Art, Urlaub zu machen. Auch wenn der eine oder andere gern das Näschen über solche Urlaube rümpft: Individualtourismus mit zwei Kindern unter zehn wäre mein nervlicher Tod gewesen. Also war Pauschalurlaub viele Jahre lang angesagt. Inzwischen mache ich drei Kreuze, dass diese Zeiten vorbei sind und mache einen großen Bogen um alles, wo Neckermann, TUI oder *ReiseveranstalterderWahleinsetzen* draufsteht. Manchmal allerdings konnte man auch schallend lachen.

Zum Beispiel damals, im 5-Sterne-Hotel in der Türkei. Das Hotel war ein Traum, das Essen auch. Dass es deutsche Urlauber gibt, die ihr Nutella-Glas mitnehmen, wohin auch immer es sie verschlägt, wusste ich. Als wir aber abends im botanischen Garten zum Essen saßen und am Nebentisch ein Mittsechziger resolut die Maggi-Flasche aus der Tasche holte und sein wunderbares Essen mit Maggi tränkte, wäre ich fast tot vom Stuhl gefallen. Er fand es aber augenscheinlich sehr lecker, denn die Flasche stand fortan täglich auf dem Tisch und wurde nach dem Essen fein säuberlich wieder eingepackt.

Deutsche Touristen können allerdings nicht nur in Sachen Futter speziell sein. Auch der Kaffee muss stimmen. Und da wird in einem Café auf Mallorca - wo als achtzehntes Bundesland bitteschön Deutsch gesprochen werden sollte - lautstark nach Filterkaffee verlangt. Denn „diese spanische Plörre“ kann man echt nicht trinken. Das sind dann Momente, in denen man darum betet, dass die freundliche Kellnerin kein Deutsch versteht.

Und dann wäre da noch die deutscheste aller deutschen Urlaubstugenden: Das Besetzen von Liegen im Morgengrauen. Der frühe Vogel fängt den Wurm und wer um sechs kommt, kriegt die beste Liege. Als ich das letzte Mal vor einigen Jahren auf Mallorca war, hatte das Hotel, um diese Untugend in den Griff zu bekommen, den Poolbereich mit den Liegen mit einem Zaun umgeben, dessen Tür sich erst morgens um halb neun öffnete. Immerhin hat niemand versucht, morgens um sechs den Zaun zu überklettern. Ab acht Uhr allerdings standen Käthe und Karl-Hermann Schlange, gemeinsam mit einer wachsenden Schar von Liegen-Liebhabern und als der Meister des Pools um halb neun die Tür aufschloss, ergoss sich ein langer Strom von handtuchbewehrten Menschen in den Bereich und der Kampf konnte beginnen. Es wurde übrigens erbittert gekämpft. Ich habe mir das Schauspiel vom Balkon aus angesehen und einfach nur gestaunt. Denn rund um den Pool standen Dutzende von Hinweisschildern, dass das Besetzen von Liegen nicht gestattet ist. In Deutsch, Englisch und Spanisch. Der gemeine Liegenbesetzer kann allerdings scheinbar nicht lesen. Einmal habe ich es gewagt, an einem Nachmittag ein Handtuch von einer „besetzten“ Liege zu räumen und es mir dort selbst bequem zu machen. Etwa eine Stunde später stand ein unangenehmer Zeitgenosse vor mir und verlangte lautstark und mächtig unfreundlich die Herausgabe der Liege. Die hatte er nämlich schon seit zwei Wochen besetzt und an seinem letzten Tag wolle er sich die nicht wegnehmen lassen! Nachdem er wirklich unangenehm wurde, habe ich mein Handtuch genommen und bin gegangen. Der Klügere gibt nach.

Und dann hätten wir da noch die Kreuzfahrt-Touristen, die sich täglich über Barcelona ergießen und die ob der Hitze in der Regel eher leicht gewandet sind. Und was macht man als Tourist in Barcelona? Genau. Man guckt sich die Kathedrale an. Von innen bitte, da ist es kühler. Wäre da nur nicht die leichte Gewandung. Man könnte sich natürlich mit den Stationen seiner Reise beschäftigen. Dann wüsste man vielleicht, dass Spanien im Allgemeinen und Katalonien im Besonderen eine ziemlich katholische Gegend ist. Und in katholischen Gegenden haben Schultern und Oberschenkel bedeckt zu sein, wenn man eine Kirche betritt. Das wiederum sieht der Kreuzfahrer ja üüüüüüberhaupt nicht ein. Obwohl die Umgebung der Kathedrale mit Schildern gepflastert ist, die die Kleiderordnung mit Piktogrammen (weil das Lesen ja eine hohe Kunst ist) erklärt, sieht sich der ältere Herr, der den Einlass regelt, eigentlich ständig mit renitenten Kirchgängern konfrontiert, die unverzüglich und ohne Bedeckung Einlass begehren. Und den begehren sie laut! Auch hier sind, so meine statistische Erhebung, die Deutschen führend. Vermutlich handelt es sich um Protestanten.

Mit den meisten meiner Outfits, die ich in Barcelona getragen habe und die ihr unten findet, hätte ich übrigens auch nicht in die Kathedrale gedurft. Ich weiß aber, dass gleich neben der Kathedrale ein Stand aufgebaut ist, an dem man für ein oder zwei Euro ein Tuch kaufen kann, mit dem man die strategischen Stellen eben schnell verschwinden lassen kann. Eine so große Investition sahen die Kreuzfahrer übrigens als nicht machbar an. „Geldschneiderei“, wurde da gezischt. Nö, meine Damen und Herren. Und als Kreuzfahrer müsstet ihr das eigentlich wissen. Ach nee, es geht ja gar nicht nach Jerusalem…









Welche Urlaubs-Unarten mögt ihr am liebsten? Seid ihr auch schonmal einer reisenden Maggiflasche begegnet? Oder Kreuzfahrern, die augenscheinlich gar nicht katholisch sind?

Liebe Grüße

Fran

Kommentare

  1. Guten Morgen Fran, ich musste echt schmunzeln. Ich glaub echt ich mache anders Urlaub :)
    Ich hab mich köstlich amüsiert, aber wohl weil ich das alles noch nicht erlebt habe. Oder ich bin einfach nicht aufmerksam genug, das könnte es natürlich auch sein. Ich persönlich freue mich immer über landesübliche Dinge, Essen etc. und genieße das. Sonst könnt ich ja zuhause bleiben. Auch wenn ich Maggi in der Suppe liebe, ich will es anders als zu Hause im Urlaub. Ich informiere mich auch immer vorher über die gängigen Gepflogenheiten in meinem Reiseland, sodass ich zumindest über die wichtigsten Dinge Bescheid weiss. Und gern auch bitte, danke, guten Tag etc. sagen kann und zwar in Landessprache. Soviel Mühe sollten sich Touristen machen.
    Allerdings fallen heutzutage nicht mehr unbedingt die Deutschen auf ;)
    Danke für die tollen Bilder, und die gestreifte Short ist echt klasse.
    Schönes Wochenende, liebe Grüße Tina

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    1. Genau so sehe ich das auch: Wenn ich auf landesübliche Dinge nicht neugierig bin, dann kann ich auch zuhause bleiben. Die Deutschen sind auch garantiert nicht die einzigen Touristen, die unangenehm auffallen. Aber die deutschen Touristen können so herrlich ignorant sein ;-)

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  2. Hmmm. Ja. Wir sind auch heuer wieder mit drei Generationen pauschal mit der Tui unterwegs. Allerdings gab es dort noch nie jemand, der beim Essen unangenehm aufgefallen wäre.
    Tja. Das mit den Liegen kenn ich auch. Aber mein Vater macht das geschickter. Er geht jeden Morgen um 7 im Meer schwimmen. Meist begleitet vin meinem Sohn. Dann legt er sich bis halb acht auf die Liege oder ratscht mit den jungen Griechen vim Waspo Team, hilft vielleicht kurz mit. Alte Herren mit Format genießen in Griechenland nach wie vor Respekt. LG Sunny

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    1. Solange dein Vater auf der Liege liegt, wird ihn niemand runterwerfen wollen ;-) Aber wenn er dann für vier Stunden den Poolbereich verlässt, wird er vermutlich sein Handtuch mitnehmen und nicht darauf pochen, dass die Liege für den Rest des Tages ihm "gehört". Mit mangelndem Respekt hat es meiner Meinung nach wenig zu tun, wenn man solche Dinge kritisiert. Denn sowas würde ein alter Herr mit Format vermutlich einfach nicht tun.

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  3. Ich sag mal so viel , einige müssen gar nicht in den Urlaub fahren um sich auffallend zu benehmen die bekommen das auch ohne Hotel im Ausland hin *gg
    Ansonsten mag ich lieber Urlaub im Ferienhaus ... eben weil ich gerne Ruhe habe . Ich essen mag wann ich will und kleine Kinder vor meinem Kaffee ebenso wenig eine gute Idee für mich sind . Alles zu seiner Zeit . Ich bin sehr froh das wir damals Ferienhäuser hatten , mit genug Platz , direkt am Wasser und die Ruhe pur :))
    Das alles ist mir vor 2 Jahren in einem Hotel in HH wieder bewusst geworden , wie wenig ich diese Unterbringung mag . 24 Stunden am Tag eine Geräuschkulisse die immer da ist und so gut wie nie aufhört ...weil die Türen nebenan scheinbar keine Klinken haben , Gröhlende Besucher rein und raus gehen usw. Es fühlte sich wie in einer Absteige mit 5 Sternen an .
    LG Heidi

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    1. Das ist wohl wahr. Ich treffe solche Menschen aber scheinbar nur im Urlaub. Hier benimmt sich kein Mensch so, gottlob. Die Geräuschkulisse in Hotels ist manchmal wirklich heftig. Ich habe in Genf aber gerade das absolute Gegenteil erlebt. Da war es so unglaublich ruhig, das war irre.

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  4. danke fürs lästern! :-D
    da ich mir ja die kinder geklemmt hab konnte ich auf reisen mein leben lang grosse bogen um solch zeitgenossen machen. nur manchmal kreuzten sich unsere wege an sehenswürdigkeiten. ich rede dann kein deutsch ;-)
    hier haben wir ja auch touris vor der haustür. die lassen sich von der bergrettung wg. orientierungslosigkeit aus´m wald führen - obwohl hier die nächste strasse IMMER nur max ´ne 1/2h weg ist. die stranden mit ihren rädern vor unserem haus und sind empört dass es auf dieser elbseite "plötzlich" keinen radweg mehr gibt - es gab aber noch nie einen! wegbeschreibungen und karten lesen muss man ja nicht machen - auch nicht guten tag sagen, wenn man andern leuten in den garten fährt, übrigens. aber die snackverpackungen in meiner regentonne entsorgen!!!
    vom müll-in-den-wald-schmeissen will ich gar nicht erst anfangen.......
    wir haben jetzt am anfang vom zufahrtsweg eine schnur gespannt - die hält die deppen auf (400m) abstand :-)
    mag deine "hosenanzüge"! xxxxx

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    1. Aber gern doch :-) Touris vor der Haustür kenne ich auch... ohne Worte. Als nächstes werde ich anregen, dass hier am Elberadweg Dixiklos aufgestellt werden. Mehr sag ich dazu nicht ;-)

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  5. Du hast Recht, in einem fremden Land bin ich zu Gast und kann die Gastfreundschaft nicht so schamlos ausnutzen. Aber viele haben das Schamgefühl angeblich nicht im Reisegepäck!
    Liebe Grüße,
    Claudia

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    1. Ich vermute ja, die haben das nicht nur nicht im Reisegepäck. Die besitzen sowas einfach nicht. Und die Sache mit der Gastfreundschaft ist ja angeblich bei den Deutschen eh nicht so ausgeprägt ;-)

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  6. Kleiner Tipp an manche Touristinnen: Ein mindestens knielanger Rock ist eine gute, luftige Investition für einen Stadtbummel - und in Kathedralen immerhin deutlich angemessener als Shorts. Und auch die Wahl von Spagettiträger-Tops sollte doch bitte wohlüberlegt sein. Etwas mehr Stoff hat dann sogar den tollen Effekt, dass die Haut nicht so schnell verbrennt ;-). Busenfrei am Strand zu liegen ist in meinen Augen ebenfalls nicht gerade die beste Idee, tut mir leid. Ich selbst finde es auch immer so peinlich, wenn sich mache Touristen über alles lustig machen müssen und/oder meinen, alles dreht sich nur um sie. Übel, übel. Aber das schlimmste, was ich dieses Jahr gelesen habe, waren diese deutschen Neonazis auf Mallorca. Uaah. Wie hohl kann man denn bitte noch in der Birne sein? Da versinke ich ja direkt auf der Stelle freiwillig vor Scham im Boden.... :-(

    Liebe Grüße

    Hasi

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    1. Ich glaube, die nicht mehr ganz jungen Männer, die sich in Barcelona komplett textilfrei direkt vor der Strandbar in den Sand warfen - weil der textilfreie Strandabschnitt ja zu weit entfernt war - die hättest du auch gemocht ;-) Bei dem Anblick hat mir mein Kaffee nicht mehr geschmeckt. Wären die wenigstens 25 und durchtrainiert gewesen... *seufz*
      Und Nazis sind hohl. Sonst wären sie ja keine Nazis... ;-)

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  7. Du erlebst ja so Einiges im Urlaub :D Ich fahre immer in die Natur raus, da ich in einer Metropole lebe, bekomm ich das sonst nicht so oft mit. Letztes Jahr war ich im Urlaub Dolomiten und hatte echt viel Spaß, auch wenn ich nicht soviel erlebt haben dürfte wie du :D

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    1. Hihi, ich lebe auf dem Land und mitten in der Natur. Aber Touristen, die sich nicht benehmen können, gibt es hier auch zuhauf.

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  8. Du bist wirklich einmalig, liebe Fran. Ich lese deine Posts soooo gerne, da bekomme ich oft gute Laune. Hier musste ich ein paarmal ziemlich lachen, denn einige Situationen, die du schilderst, kommen mir doch sehr bekannt vor.
    Das ist teilweise so dermaßen oberpeinlich, wie sich manche im Urlaub aufführen, dass man dann doch gerne im Boden versinken würde. Sei es das Belegen der Liegen, als auch der Anspruch der Leute, dass im Ausland Deutsch gesprochen wird. Ich finde es auch peinlich, wenn sich die Leute nichts überziehen, wenn sie vom Strand in den Supermarkt gehen oder an eine Bar zum Getränkekauf. Schlimm und schlimmer!

    Ich wünsche dir einen schönen Abend und vielen Dank auch für's Verlinken!

    Lieben Gruß
    Sabine

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    1. Ich freu mich, wenn ich dich zum Lachen bringen konnte :-) Dafür hat sich dann sogar der Maggi-Anblick gelohnt *grins*
      Im Bikini oder in Badehose einkaufen gehen - nur noch getoppt von Menschen, die diese Kleidungsstücke auch noch weglassen - da frage ich mich immer, ob diese Menschen so gar keine Kinderstube genossen haben. Vermutlich nicht....

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  9. Ja, das ist genau so peinlich wie Sandalen und weiße Socken zu kurzen Turnhosen übers T-Shirt gezogen, am besten bis zum Ellenbogen - oder mit nackigem Körper über die Strandpromenade latschen. Die Engländer können das neben den Deutschen auch ganz gut.

    Liebe Grüße Sabine

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    1. Oh ja, der nackte Oberkörper mit Schießer, feinripp, locker in der rechten Hand, das ist auch ein erbaulicher Anblick. Aber nur, wenn der Oberkörper krebsrot ist. DAS wiederum können die Engländer ganz hervorragend.

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  10. Haha, ich sag nur: Engländer auf Rhodos! Aber in ganz England findest Du solche Idioten nicht. Genau wie den typischen Ballermann-Deutschen mit der reservierten Liege... ich frag mich immer, wo sind diese Menschen außerhalb der Saison? Sind sie eine spezielle Züchtung? Gottseidank hab ich solche Extreme nie kennengelernt, selbst in Thailand habe ich keine Sextouristen getroffen (glaube ich mal).
    Liebe Grüße, Maren

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