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Capsule Collection - nachhaltig und simpel?



Regelmäßig im Herbst und Winter wird auf den Modeblogs dieser Welt das Thema „Capsule Collection“ durchs digitale Dorf getrieben. Liegt im Prinzip auch nahe. Eine Capsule Collection für den Sommer wäre im letzten Jahr wohl grandios in die Hose gegangen, allein schon aus Temperaturgründen. Ich meine: Wer kommt in diesen Breitengraden schon auf die Idee, im April eine Capsule Collection für acht Wochen mit über 30 Grad zu kreieren? Herbst und Winter sind dagegen eine sichere Bank, denn irgendwann kommen sie, die usseligen sieben Grad mit Nieselregen. Und bleiben im schlimmsten Fall acht Wochen lang…

So eine Capsule Collection ist ja auch mal richtig praktisch. Die Auswahl ist beschränkt. Das spart Zeit und natürlich Geld, wenn die Anzahl der Kleidungsstücke eingeschränkt ist und alles zu allem passt. Wer träumt nicht davon, morgens in gerade mal 30 Sekunden perfekt angezogen zu sein und sich für das abendliche Date nicht drölfzig Mal umzuziehen und einen riesigen Berg von „och nöööö, so heute doch nicht“ auf dem Boden des Schlafzimmers zu hinterlassen.

Dummerweise muss man die Zeit, die man morgens vor dem Kleiderschrank spart, schon im Vorfeld investieren. Das Geld auch. Für eine Capsule Collection reicht es ja mal nicht aus, sich zwischen Tür und Angel auf drei bis vier Farben festzulegen und schnell die passenden Stücke aus dem Schrank zu fischen. Nö. Das wäre ja grottenlangweilig.

Also beginnen wir mal mit der Sichtung der Trends. Denn so ganz Trend-los kommt man ja nun nicht über die Saison. Dafür dürfte ein Tag reichen, wenn man diszipliniert surft. Anschließend geht es ans Moodboard. Keine Capsule Collection ohne Moodboard! Das kann man old-school schnippeln und kleben oder auf Pinterest basteln. Ich empfehle Pinterest, denn schnippeln und kleben ist ja doch irgendwie Kindergarten und zuhause hat man nichtmal freundliche Erzieherinnen, die hinter einem herräumen. Wenn nach zwei Tagen intensivem Surfen das Moodboard endlich steht, ist erstmal eine Pause fällig. Das ist nämlich nicht nur anstrengend, sondern auch Partner und Kinder möchten vielleicht auch mal wieder etwas zu essen oder einfach nur mit Moodboard-Mama sprechen, die sich seit Tagen hinterm Laptop verschanzt hat. Außerdem muss man so ein Moodboard auch erstmal auf sich wirken lassen.

Wenn das Moodboard also endlich gesackt ist, geht es an die Auswahl der Stücke für die Capsule Collection. DAS wiederum ist nicht ganz einfach. Die schwarze Hose aus dem letzten Jahr geht gar nicht mehr, die ist ja noch skinny und nicht trendgerecht weit. Der Mantel hat die falsche Farbe, die Oberteile sind irgendwie auch nicht mehr so taufrisch… Da gibt es nur eine Lösung: Shopping! Dauert ja nicht lange und weil man sich ja auf wenige Teile beschränkt, spart man dabei noch! Also verbringt man wieder mal zwei volle Tage hinter dem Laptop auf der Suche nach den schönsten, hochwertigsten und edelsten Teilen, die für Geld zu kaufen sind. Die Gesamtrechnung von 12.345 Euro sieht zwar irgendwie schockierend aus, aber das meiste wird ja eh zurück geschickt! Und wenn man schon einmal im Leben eine Capsule Collection zusammenstellt, die einen fortan durch das Leben begleitet, dann sollte man daran wirklich nicht sparen. Echt nicht. Billigfummel waren gestern.

Zwei Wochen später steht man dann knietief in der schönsten, hochwertigsten und tollsten Capsule-Auswahl und kann sich nicht entscheiden. Muss man aber, denn die Kinder und der Partner sitzen jammernd um den großen Familientisch und haben Hunger. Die Gutschrift auf die Kreditkarte erfolgt aber erst nach der Rücksendung. Mist. Werfen wir ihnen also einen Kanten harten Brotes hin (das gibt es nach Ladenschluss im Container am Hintereingang der Bäckerei umsonst und das spart schließlich irgendwie auch Ressourcen und ist nachhaltig) und wählen die schönsten Stücke aus.

Eine Woche später hat man endlich alle Rücksendungen abgeschickt und die Kreditkarte atmet wieder. Partner und Kinder sind glücklicherweise ausgezogen, weil die steinhartes Brot doof fanden. Ha! Die Kinderzimmer werden sowieso gebraucht, um die ollen Klamotten, die man fortan nicht mehr trägt, aufzubewahren.

Und da hängt sie, im neu gestylten ehemaligen Arbeitszimmer des Gatten, auf extra angeschafften, wunderschönen Kleiderständern: Die Capsule Collection!

Genau neun Tage lang funktioniert das Prinzip hervorragend. Die ersten fünf Tage: Voller Begeisterung! Die nächsten drei Tage: Die Begeisterung nimmt graduell ab und die Farbauswahl wird immer öder. Tag neun wird zum Desaster, weil auf Instagram seit Tagen der Senfgelb-Trend regiert, Senfgelb aber in der Capsule nicht vorgesehen ist. Einen Tag lang hält man diese Qualen aus. Dann zuckt der Bestellfinger. Nur dieses eine Teil! Ehrlich!

An Tag zehn brechen die Dämme. Morgens früh um sechs, wenn es noch dunkel ist, schleicht man mit einer Taschenlampe ins Kinderzimmer, wo all die ehemaligen Schätzen liegen. Ganz leise, damit niemand es hört. Obwohl ja sowieso niemand mehr zuhause ist. Aber man weiß ja nie, was die Nachbarn so mitbekommen… Und da sitzt man dann, streichelt die Lieblingsteile und badet in den Farben, die in der Capsule Collection nicht vorgesehen sind.

Wieder im Capsule-Ankleidezimmer angekommen geht der Griff zum überaus kombinierfreudigen dunkelblau. Dabei setzt man einen freudigen Blick auf und tut zumindest noch begeistert. In den nächsten Tagen häufen sich die heimlichen Gänge ins Kinderzimmer und einigen ehemaligen Lieblingsstücke gelingt der Ausbruch aus den Lagerungskisten. Und plötzlich hängt der senfgelbe Pullover mit völlig unschuldigem Gesichtsausdruck auf der Capsule-Kleiderstange und mischt all das Nude und Dunkelblau auf! Wie kommt der da hin? Und vor allem: Muss der da wieder weg?

In einer schlaflosen Nacht, in der man von dunkelblauen, weiten Hosen ge-alp-träumt hat, die einen durch die Kinderzimmer jagen, rechnet man die Zeit zusammen, die man zum Aufbau der Capsule Collection gebraucht hat. Rund 120 Stunden hat das Unternehmen gekostet, von der Idee bis zum Fresh-Up des Capsule-Zimmers - das musste nun wirklich neu gestrichen werden und der Boden sah auch nicht mehr hübsch aus. 120 Stunden sind *rechne* die Zeit, die man vor der Capsule in gut einem Jahr vor dem Kleiderschrank verbracht hat, um das Outfit zu finden, das einen täglich glücklich gemacht hat. Glückszeit mit der Capsule Collection: Fünf Tage.

Dann kommt die Kreditkartenabrechnung. 3358 Euro für eine irre hochwertige und ausgewählte Capsule Collection. Daran sind aber echt nur die Handtaschen Schuld! Und ein bisschen die Schuhe. Aber man kann sich bitteschön nicht auf eine begrenzte Garderobe beschränken, ohne neue Handtaschen und Schuhe! Das GEHT nicht! Und ohne hochwertige Schuhe funktioniert sowas nun mal nicht. Echt jetzt.

Aufgrund des Investments an Zeit und Geld wird das Experiment weitere drei Wochen durchgezogen. Die heimlichen Ausflüge ins Kinderzimmer nehmen Überhand. Plötzlich sind Massenausbrüche von Kleidungsstücken aus Lagerkisten zu verzeichnen. Die Capsule-Kleiderstangen werden voller und voller. Die Capsule ist unter all den Ausbrechern kaum noch zu finden. Nach einem Monat wird eine Generalamnestie für alle Ausbrecher verkündet. Die Capsule Collection ist gescheitert.

Liebe Grüße
Fran


P.S. Es gibt bestimmt Menschen, für die so eine Capsule Collection wunderbar funktioniert. Bei mir würde sie es nicht. Das brauche ich gar nicht auszuprobieren, das weiß ich schon jetzt. Obwohl ich es wirklich gern mal versuchen würde…

Kommentare

  1. hahaha.... köstlich Fran! Moodboardmama.... ich liebe es wenn Du schreibst! Solltest dringend für die Zeiung schreiben.... ach da war ja was :))
    Fran genial. Du weisst dass ich wohl nie niemals eine Capsule Klamottengeschichte haben könnte. Jetzt weiss ich was mir erspart bleibt!
    Schönes Wochenende, liebe Grüße Tina

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  2. Man bist du böse. Capsual Wardrobe funktioniert nur für den Artikel in der Frauenzeitschrift oder für den Blogpost auf dem Modeblog. Im waren Leben macht das keine. Oder so wenige, dass sie nicht auffallen. Aber es verkauft sich gut und kurbelt den Verkauf an.
    Ich brauche morgens bei der Kleiderwahl 20 Sekunden. Ich lege nämlich alles abends raus. Stressfrei. Und es passiert ganz selten, dass ich das Outfit morgens nicht mag. Das sind aber dann Tage, an denen mir eh nix gefällt und ich dann einfach zur Jeans mit Blazer greife.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  3. Liebe Fran, du schreibst einfach klasse. Ich habe wieder ein 360 Grad Grinsen im Gesicht. Ich wäre gerne Minimalist, aber bzgl. Mode klappt das bei mir nicht. Ich kaufe mittlerweile wesentlich bedachter wie früher und überlege ob sich das Teil (auch Schuhe) in meine Garderobe einpassen, aber ich freue mich über meine Auswahl an Kleidung und Schuhen. Ich genieße es :-)). Viele liebe Grüße Beate

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  4. *lach* Ich sehe, Du bist hier wieder in Bestform :-D Ja, das ewige, unaufhörliche Selbstoptimieren, das auch vor dem Kleiderschrank (bzw. der Ikea-Kleiderstange) nicht halt macht!
    An und für sich finde ich den Gedanken hinter der Capsule aber gar nicht verkehrt, ich gebe es zu. Einfach schon mal aus dem Grund, dass man erst mal etwas nachdenkt, bevor man sich den neunzigdreiundsechzigten Schrankhüter kauft, der zwar "voll süß ausschaut und to-tal krass edgy-trendy ist" - aber dann mal wieder weder zum Schrankinhalt noch zu einem selbst passt. Allerdings: mit drei Farben und dreissig Teilen wäre ich auf verlorenem Posten - ich brauche sie, die gewisse gute Auswahl. Aber ebendiese Auswahl ist bei mir mittlerweile tatsächlich so, dass ich morgens in wenigen Minuten fertig bin - einfach, weil ich meine lang erprobten Sachen gut kenne und eine Vorstellung habe, wie ich sie anziehen will. Gottseidank habe ich sogar was senfgelbes *erleichtert*. Und was oranges. Und was blaues, grünes, rotes, schwarzes, weisses. Grau auch. Aber weite blaue Hosen? Uff. Nein. Die fehlen ;-)... Mist.
    Liebe Grüße
    Hasi

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  5. Ja genau so , ohne verlassen der Familie stelle ich mir das bei vielen coolen und hippen Bloggern vor ...*gg
    Irgendwer hat mal nachgezählt wie viel % jeder aus seinem Kleiderschrank wirklich trägt. Und Fakt war am Ende das die meisten nur ihre Lieblingsteile tragen und diese etwas 20 % insgesamt ausmachen.
    Selber könnte ich das nicht .... nur auf einer einsamen Insel :))))
    LG Heidi

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  6. Ich brauche auch einen ziemlichen Fundus. Aber es gibt schon 2 Farben die sich in allen erdenklichen, von meinen Kleidungsstücken wiederfinden. Dunkelblau und Schwarz. Und dazu habe ich immer eine vielzahl, meist einfarbiger Oberteile mit schönen Details. Aktuell sind die Teile alle etwas weiter, als sie schon mal waren.
    Manches trage ich öfter, manches jahrelang nicht, aber dann trage ich es sehr gerne wieder. Was ich gar nicht leiden kann, wenn ich selbst finde, dass ich heute so aussehe wie gerstern. Es sind dann eher Details, die variieren. Aber das mache ich in der Tat nur für mich. Sonst langweile ich mich mit mir zu Tode. Vor einigen Jahren habe ich immer noch passenden Schmuck oder ein Tuch ausgesucht. Das Kickt mich momentan nicht so. Aber ich würde das Zeug deshalb nicht weggeben, ich mag es ja. Nur halt grade nicht tragen.
    BG Sunny

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  7. Das kriege ich auch nicht hin. Bei aller Liebe. Meine Klamotten trage ich zwar (meistens) lange. Aber ich brauche Abwechslung. Herrlich auf den Punkt gebracht.

    Liebe Grüße Sabine

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  8. Hahaha, ich schmeiß mich weg... und fühle mich natürlich ein wenig ertappt, denn auch meine Capsule Collection Mission ist gescheitert. Aber zum Glück hab ich keine Kreditkartenrechnug von über 3000 Euro bekommen...
    Ich glaub nicht mehr an Capsule Kleiderschränke. Alles Quatsch! Ich kaufe und trage, wonach mir ist, und ob das in den Schrank integriert werden kann oder nicht, spielt in dem Moment eher eine untergeordnete Rolle! ABER: ich glaube an Capsule Urlaubskoffer, denn da nützt ja alles nix, in das winzige Dinge geht nun mal nicht mehr rein!!! Daher: Capsule auf Reisen: top!
    Liebe Grüße, Maren

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  9. :-) Liebe Fran,
    herrlich! Aber wie bei Maren funktioniert eine "Capsule Collection" höchstens im Urlaub. Aber auch da müssen immer ein paar "Kinderzimmer-Klamotten" dabei sein, sonst wird's fad.
    Schönen Sonntag und liebe Grüße
    Claudia :-)

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  10. Im Prinzip reizt es mich, so eine übersichtliche Garderobe zu haben, in der Realität schöpfe ich gerne aus einem üppigen und farbenfrohen Fundus. Ab und zu versuche ich die Urlaubsgarderobe farblich aufeinander abgestimmt und dezimiert zu halten, nur am Urlaubsort festzustellen, dass langweilig ist, was ich dabeihabe.
    Liebe Grüße
    Sabine

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  11. WOW Fran, super Beitrag! Es hat echt Spaß gemacht ihn zu lesen. Ich konnte mich auf jeden Fall öfters in deinen Text erkennen. Also ich muss gestehen, es ist auch nichts für mich!
    Liebe Grüße,
    Claudia

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