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Istanbul ist laut, dreckig und voller Kopftücher… echt jetzt?

Das ist das Plakat der Basketball-EM, leider nicht mein Begrüßungsplakat ;-)

Die Reaktionen auf unsere Istanbul-Pläne waren sehr gemischt. Von „Ach du lieber Himmel, da kann man doch nicht hinfahren“ bis zu „Ihr werdet sehen, das ist eine wunderbare Stadt“ war eigentlich alles dabei. Als wir die Karten für die Basketball-EM im vergangenen Jahr gekauft haben, war das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei noch einigermaßen in Ordnung. Das hat sich ja inzwischen geändert. Kann man also in der gegenwärtigen politischen Situation in die Türkei fahren? Wir haben entschieden, dass man kann. Zugegeben, mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend. Wie formulierte es einer meiner Kollegen: „Ich hoffe, du hast nie über Gülen-Fässer geschrieben“. Hab ich nicht. Und trotzdem habe ich mich vor Antritt der Reise lieber mal beim Auswärtigen Amt registriert…

So ziemlich das erste, was ich nach Flughafen, U-Bahn und Hotel sah: Die blaue Moschee. Ihren Namen hat sie von den blauen Fliesen innen. Außen ist nix blau.

Mein Mann kannte Istanbul schon von einer Reise vor einigen Jahren. Für mich war es das erste Mal. Ich hatte zwar einen Reiseführer und diverse Blogs gelesen, aber so genau wusste ich nicht, was mich dort erwartet. Es gab den einen oder anderen, der laut spottete: „Istanbul ist laut, dreckig und voller Kopftücher. Was willst du da?“ Nun, mir vielleicht ein eigenes Bild machen? Das habe ich getan und ja, Istanbul ist laut. Istanbul ist an einigen Enden vermutlich auch mächtig dreckig. Die habe ich allerdings in der kurzen Woche kaum zu sehen bekommen. Und ja, man sieht eine Menge Kopftücher. Aber man sieht noch viel mehr.

Blick auf den Galata-Turm über das goldene Horn

Auch auf die Gefahr, dass das jetzt niemanden interessiert, habe ich Euch die für mich überraschendsten Punkte der Reise einfach mal zusammengestellt. Und weil der Text leider viel zu lang geworden ist, gibt es heute nur die ersten fünf Punkte. Die nächsten sind am nächsten Sonntag dran :-)

1. Istanbul hat ein Verkehrsproblem

Istanbul ist quasi ein einziges Verkehrschaos. Die Straßen sind unglaublich voll, weil die öffentlichen Verkehrsmittel für die rund 15 Millionen Einwohner einfach nicht ausreichen. Es gibt eine Handvoll U-Bahnen, eine Handvoll Straßenbahnen, viele Fähren und unglaublich viele Kleinbusse, die nach einem System fahren, das ich bisher nicht ergründen konnte.

Sonntagnachmittag und auf der Stadtautobahn herrscht Stau.

Auf jeden Fall gibt es viel zu wenig U-Bahnen. Dafür sind die öffentlichen Verkehrsmitteln, die es gibt, irre günstig. Ich habe meine Istanbul-Card bei der Ankunft mit sage und schreibe knapp 20 Euro aufgeladen. Die habe ich nicht verbraucht, und wir waren täglich zur Sporthalle, in der die Basketballspiele stattfanden und die ziemlich ausßerhalb liegt, unterwegs. In Hamburg hätte mich das ein Vermögen gekostet. Trotz der günstigen Preise und wegen der fehlenden Verbindungen fahren viel zu viele Menschen mit dem Auto und verstopfen jede Straße und im Besonderen die Brücken. Wer übrigens mal sehen möchte, wie aus einem Ford Fiesta acht Menschen purzeln: Der Fähranleger in Richtung Prinzeninseln an einem Sonntagnachmittag ist da ein heißer Tipp.

2. Istanbul ist voller Wasser und voller Angler

Istanbul liegt zwischen dem Marmarameer und dem schwarzen Meer auf beiden Seiten des Bosporus. Wasser ist also mehr als genug da. Anders als in Barcelona, Valencia oder vielen anderen Städten am Mittelmeer ist Baden allerdings im Stadbereich eher nicht drin. Dafür frönen die Einwohner von Istanbul dem Volkssport: Angeln. Auf der Galatabrücke stehen täglich Hunderte von Anglern. Am Ufer des Marmarameeres ebenfalls. An den Ufern des goldenen Horns: Angler. Am Sonntag kommen übrigens noch ein paar dazu. Die stehen da seelenruhig, baden einen Wurm, knabbern Pistazien und ziehen von Zeit zu Zeit einen Fisch aus dem Wasser. Mitten in der Stadt, neben einer vielbefahrenen, vierspurigen Straße. So gelassen wäre ich auch gern :-)



3. In Istanbul fährt man in 15 Minuten über den Bosporus von Europa nach Asien
Es gibt in Istanbul irre viele Fährverbindungen. Die sind oft der schnellste Weg von A nach B. Man sucht sich also an den Fähranlegern das richtige Fährhäuschen und wartet ein paar Minuten. Dann legt eine Fähre an, spuckt ihre Passagiere aus und für den irren Preis von rund einem Euro fährt man gemütlich von Europa nach Asien. Oder anderswo hin. Wir haben einfach irgendeine Fährverbindung genommen. Das erhöht die Spannung, wo man landet. Zurück kommt man eh immer. Irgendwie. Ich fand es außerordentlich spaßig.

Vom Topkapi-Palast kann man hervorragend auf den Bosporus gucken. Die Sultane haben sich da ein wirklich hübsches Plätzchen ausgesucht...

4. Jede Frau in Istanbul trägt ein Kopftuch

Keineswegs. Ich würde sogar die Prognose wagen, dass außerhalb der historischen Altstadt weit weniger als 50 Prozent das tun. Wir hatten ein Hotel im Stadtteil Sultan Ahmed, ziemlich genau zwischen Hagia Sophia, der blauen Moschee, dem Topkapi Palast und dem Basarviertel. Da sieht man tatsächlich viele Frauen mit Kopftuch und kaum Frauen, die arbeiten. Auch in Jobs, die hierzulande fast ausschließlich von Frauen gemacht werden - Gastronomie und Handel - sind dort fast nur Männer zu sehen.

Erst die größte Kirche der Welt. Dann Moschee. Heute Museum. Die Hagia Sophia

Das ändert sich schlagartig, wenn man die Altstadt verlässt. Schon jenseits der Galata-Brücke sieht man türkische Frauen in Shorts und Top, die durch die Stadt bummeln. Übrigens ohne dabei in irgendeiner Form belästigt zu werden. Im Café saßen oft am Nebentisch mehrere Frauen. Eine mit Kopftuch, die andere im luftigen Top. Und die haben sich wunderbar verstanden und nicht die Spur komisch angesehen. In einem Einkaufszentrum zwischen Innenstadt und Flughafen war die Situation dann noch einmal anders. Da waren keine Frauen mit Kopftuch mehr zu sehen, in den Geschäften standen ganz selbstverständlich weibliche Verkäuferinnen und die Röcke waren ziemlich kurz und mega-stylish.

In Shorts fällt man in Istanbul nicht mehr auf als in Valencia.

Ach ja, nicht jeder männliche Einwohner von Istanbul trägt einen schwarzen Schnurrbart und starrt Frauen an, die in Short herumlaufen. Ich wollte es nur erwähnt haben.

5. Istanbul ist dreckig

Ich kann hier nur für einige Stadtteile sprechen. Bis ich eine 15-Millionen-Einwohner-Stadt in Gänze gesehen habe, dürften einige Jahre vergehen. Was ich aber gesehen habe, war, dass die Einheimischen und Touristen zwar wesentlich mehr Abfall als in Deutschland einfach dort fallen lassen, wo sie stehen, ungeachtet der Tatsache, dass drei Meter weiter ein Mülleimer steht. Was ich aber auch gesehen habe, war dass quasi zu jeder Tages- und Nachtzeit jemand mit einem Besen die Straße längs ging und den Müll wegfegte und einpackte. Die ganze Nacht durch war die Straßenreinigung unterwegs und morgens wurden als erste Amtshandlung die Gehwege gewaschen. Zumindest in den touristischen Vierteln war es wesentlich sauberer als beispielsweise in Paris. Es riecht auch besser ;-) und zwar trotz der vielen Straßenhunde. Die sind ein trauriges Kapitel.

Ach ja. Die Hose musste natürlich auch mit. Sorry.

Liebe Grüße
Fran

Kommentare

  1. ich fand istanbul auch äusserst schön.
    dein post hat erinnerungen geweckt.... auch ich fand es weder übermässig schmutzig noch war irgendein mann unhöflich zu mir - im gegenteil :-)
    lustigerweise bin ich selbst oft mit "kopftuch" rumgelaufen - weil ich schnell einen sonnenstich bekomme und hut bei dem wind am bosporus eher unpraktisch ist.
    das verkehrschaos erwartet man ja so von einer orientalischen grossstadt, ob kairo oder delhi, überall sind die strassen verstopft und alles ist am hupen. dafür passieren aber wenig unfälle und die menschen sind trotzdem viel gelassener :-D stell dir mal so´ne verkehrsdichte hier vor - gäbe mord&todschlag!
    die chino ist doch perfekt für stadtsafari!
    xxxxx

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    1. Das Verkehrschaos hat mich in der Ausdehnung dann doch überrascht. In Kairo und Delhi war ich nämlich noch nicht. Und bei der Verkehrsdichte würde hier tatsächlich Mord und Totschlag herrschen. Die Türken sehen es eher gelassen. Geht ja auch nicht anders.

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  2. Liebe Fran, tolle erste Eindrücke, gern viele davon, ich weiss nicht ob ich je hinfliegen werde. Es stand zwar immer auf meiner Liste, aber da wird gerade aus politischen Gründen einiges gestrichen :)
    Ich hätte fast gedacht dass in Istanbul fast gar keine Kopftücher zu sehen sind. Irgendjemand hat mir das früher mal erzählt, eher nur in ländlichen Gebieten. Da haben mich 50 % doch überrascht.
    Na klar musste die Hose mit :). Ich überlege auch ob ich meine bequeme Karottenhose auf Reisen mitnehmen soll, die Wohnhose sozusagen, oder lieber Jeans.... hm
    Schönen Montag, liebe Grüße Tina

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    1. Ich habe mit vielen Menschen dort gesprochen und genauso viele haben sich für ihr Staatsoberhaupt entschuldigt... Was der gute Mann da treibt, trifft viele, die vom Tourismus leben.
      Die 50 Prozent Kopftücher sind ein gefühlter Wert von mir. Ich bin allerdings nur in einer überschaubaren Zahl von Stadtvierteln gewesen. Ich lege also keine Hände dafür ins Feuer.
      Und auf die Reise: Karottenhose muss mit. Die sind unschlagbar.

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  3. Laut und dreckig ist es hier auch und "Kopftücher" (in verschiedenen Varianten) gehören mittlerweile zum Stadtbild. Sogar Niqabs sehe ich immer öfter. Nur mit der blauen Moschee kann ich nicht dienen. Und ich muss dir gestehen, dass mir dein Post sowie die Insta-Bilder Lust auf Instanbul gemacht hat. Schade, dass die Situation so ist, wie sie's gerade ist.

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    1. Istanbul ist wirklich eine tolle Stadt. Niquabs sieht man da auch, allerdings in der Regel bei arabischen Touristen. Davon gibt es nämlich irre viele.

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  4. Das glaube ich gerne, dass das eine tolle Stadt ist. Ich habe bisher noch niemand getroffen, der nicht beeindruckt gewesen wäre. Ich vermute es ist wie in jeder anderen großen Stadt. Es gibt überall "schräge" Ecken.
    Rudi hat z.B. von New York berichtet, dass es dort "stinken" würde. Das möchte man eigentlich kaum glauben. Gut, dass Du heil zurück bist. LG Sunny

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    1. Großstädte stinken häufig, finde ich. Das könnte aber auch daran liegen, dass ich ein echtes Landei bin. Wenn hier was stinkt, dann ist es Gülle... ;-)

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  5. Schön, durch Dich etwas mehr über diese vielfältige Stadt zu erfahren. Leider war ich selbst noch nie dort, und das wird sich wohl auch in absehbarer Zeit nicht ändern, wenn ich mir die aktuelle Situation so betrachte (*feige Nuss*). Trotzdem würde es uns wohl allen gut tun, den Kontakt zur Türkei nicht abreißen zu lassen, Politik hin oder her. Sonst besteht leider die Gefahr, dass sich dumme Vorurteile noch weiter verstärken und gegenseitig festfressen. Wie dem auch sei, wenn Du noch mehr über Istanbul zu erzählen und zu zeigen hast, nur her damit :-)).
    Liebe Grüße

    Hasi

    P. S.: Deine beige Chino ist ja schon ein richtiger Kosmopolit - in welchen Ländern die schon ihren Auftritt haben durfte ;-)...

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    1. Die Hose hat in der Tat schon viel von der Welt gesehen. Die wäre auch beleidigt, wenn sie im Schrank bleiben müsste ;-)
      In Sachen Vorurteile hast du absolut recht. Wer die pflegt, sollte einfach mal hinfahren. Dann sieht man Vieles in einem anderen Licht.

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  6. Das sind sehr interessante Eindrücke. Eine Kollegin von mir war vor einigen Jahren in Isambul und recht angetan. Mein Reisefavorit wäre die Stadt momentan nicht. Als die Kinder noch klein waren, flogen wir immer gern in die Türkei. Die Menschen sind sehr gastfreundlich.

    Liebe Grüße Sabine

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    1. Als die Kids klein waren, war ich auch zweimal da, aber nicht in Istanbul, sondern in der Nähe von Alanya. Allerdings kriegt man in einer Hotelanlage im Prinzip vom Land nix mit. Und für größere Ausflüge waren die Kids einfach zu winzig.

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  7. Ich liebe Istanbul! Als Studentin habe ich die Stadt mehrfach besucht und vor drei oder vier Jahren waren wir dann als Familie dort. Wir hatten eine Wohnung in der Nähe des Galata-Turms und wurden vom Ruf des Muezzin geweckt. Die Kinder schwärmen noch heute davon und sagen, das wäre unsere schönste Städtereise gewesen (und die Konkurrenz waren Barcelona, Lissabon, Edinburgh, Mailand und andere mehr).

    Derzeit würde ich mich wohl auch nicht trauen … Umso schöner ist es deinen Bericht zu lesen! DANKE!

    PS: Ich habe den Kommentar schon mal geschrieben, er ist aber nicht erschienen. Wenn er jetzt doppelt ist, gerne einen löschen.

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    1. Ich habe den morgendlichen Ruf permanent verpennt. Das Viertel um den Galata-Turm fand ich toll. Nur diese Anstiege! *keuch*
      Die armen Kinderlein mussten zuhause bleiben, denen hätte Istanbul bestimmt auch gefallen. Die eindrucksvollste Reise für die beiden war aber bisher die zu den olympischen Spielen nach London. Die Stimmung dort war einfach großartig und selbst der Typ, der uns damals die Kreditkarte klauen wollte, war im Prinzip sehr sympathisch ;-)

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  8. Ich war vor Ewigkeiten ist Istanbul. Damals hat mir die Stadt sehr gut gefallen. Ob ich im Moment gehen würde, weiss ich nicht.
    Auf jeden Fall sind die Türken sehr gastfreundlich.
    Liebe Grüsse aus USA
    Steffi

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    1. Ja, die Gastfreundschaft ist tatsächlich sehr groß. Ich schätze, ich werde mich durchaus noch einmal trauen. Wobei trauen vermutlich übertrieben ist. Ich habe weder türkische Wurzeln noch arbeite ich beim Spiegel. Mich einzusperren würde echt nicht lohnen.

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  9. :-) Danke für den schönen Reisebericht, liebe Fran.
    ich freue mich schon auf Teil 2! Bisher habe ich es leider noch nicht in die Türkei geschafft. Wollte immer mal nach Istanbul. Aber im Moment weiß ich wirklich nicht, ob ich dorthin reisen würde.
    Liebe Grüße
    Claudia

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    1. Ich hoffe, du fährst irgendwann. Die Stadt ist wirklich toll und lohnt sich.

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  10. Das ist ein schöner bericht über Istanbul! Kaum zu glauben, dass alles so "normal" sein kann, aber das Land reizt mich irgendwie nicht besonders.
    Trotzdem, sage ich niemals nie...
    Liebe Grüße,
    Claudia

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