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Very low fashion unter Tage - Hauptsache praktisch


Nach dem Hamburger Hafen vom Mittwoch geht es heute mit dem Ruhrpott weiter. Ich war schon immer ein sprunghaftes Wesen und deshalb darf ich auch ungestraft quer durch Deutschland hüpfen :-)

Was finde ich am Ruhrpott so spannend? Die Kultur, die sich da rund um den Bergbau entwickelt hat. Als ich vor vielen Jahren in Essen lebte, wohnte ich in einer richtig echten Zechensiedlung. Winzige Reihenhäuser, die irgendein Zechenbesitzer mal für seine Arbeiter gebaut hatte. Natürlich samt Kohleofen. Denn der Besitzer des Hauses bekam als pensionierter Bergmann eben sein Deputat und das wurde zum Heizen genutzt. Über meinen Umgang mit der Kohleheizung breite ich diesmal den Mantel des Schweigens. Wer die peinliche Geschichte nachlesen möchte: Hier.

Ich wurde damals in der Essener Nachbarschaft wirklich furchtbar nett aufgenommen.Naja, über die Tatsache, dass meine besorgen Nachbarn meinen damaligen Freund, der 200 Kilometer entfernt lebte, anriefen, weil ich Männerbesuch hatte, reden wir mal nicht. Ich habe von den Menschen, die dort lebten, viel über die Arbeit unter Tage gehört und fand das sehr spannend, vor allem weil ich mütterlicherseits selbst aus einer Bergarbeiterfamilie stamme. Mein Opa, der letzte Bergmann in der Familie, starb allerdings schon, als ich noch im Kindergartenalter war. Furchtbar spannend fand ich auch das einzige Mal in meinem Leben unter Tage. Das war während einer Exkursion im Rahmen des Studiums und wir haben uns mit Antrieben für Maschinen zum Streckenvortrieb beschäftigt. Klingt kompliziert, ist es auch. Als wir wieder über Tage waren, mussten wir standesgemäß mit dem Steiger einen trinken. Machen wir es kurz: Wir haben die Alkoholvorräte der Steigerkaue komplett vernichtet, mussten bei unserem Busfahrer noch ein paar Flaschen ausleihen und sind vermutlich als trinkfesteste Gruppe ever in die Geschichte der Zeche Schlägel & Eisen eingegangen. Nach uns hat nie wieder eine Gruppe unseres Studienganges die Zeche besucht. Wohl aus gutem Grund. Aber immerhin haben wir an diesem Tag den Grundstein für die spätere Ehe zwischen einer Kommilitonin und unsere Maschinenbau-Prof gelegt.

Nachdem ich ja Anfang Juni zur Extraschicht im Ruhpott war, hatte ich leider viel zu wenig Zeit, um mir noch ein paar andere Dinge anzusehen, die noch auf meiner „Muss ich angucken“-Liste standen. Zum Beispiel das Bergwerksmuseum in Bochum. Die haben nicht nur noch einen Förderturm - die standen vor 30 Jahren eigentlich alle paar Meter rum, heute sind kaum noch welche da, weil die Zechen geschlossen und die Türme abgerissen wurden - sondern auch ein Anschauungsbergwerk. Das ist zwar nicht 1000 Meter unter NN wie ein „echter“ Pütt, aber das tut der Sache keinen Abbruch.

Für das Bergwerk waren modische Mätzchen logischerweise nicht so angesagt. Der Style-Anspruch hing also richtig niedrig und ihr kriegt lediglich ein ganz normales Brot-und-Butter-Outfit zu sehen. Ohnehin war ich nur mit kleinem Gepäck unterwegs - ich wollte schließlich unter Tage und auf Hochöfen rumklettern und keinen Fashion-Preis gewinnen. Also reichten mir Jeans, die unvermeidliche Bluse und eine leichte Jacke. Während es nämlich im „richtigen“ Bergbau ungefähr 1000 Meter unter der Erdoberfläche verdammt warm ist - da herrschen gern mal über 30 Grad - ist es in 30 Metern Tiefe erstaunlich kühl.










Im Ruhrgebiet sind sie mir übrigens erstmals live und in Farbe begegnet: Menschen, die in funktionaler Outdoorbekleidung, in der man vermutlich auch rund um den Anapurna trekken könnte, durch die Stadt liefen. Samt großem Rucksack, bei dem ich mich immer noch frage, was da wohl drin war. Wir sind ja nun schließlich nicht am Anapurna und man muss nicht unbedingt Notrationen für zwei Wochen mit sich rumschleppen. Bisher hatte ich diese Spezies samt der Wanderschuhe ja für eine Erfindung von Bloggern gehalten, die gerne mal über den 08/15-Touri schimpfen. Aber es gibt sie wirklich! Wobei ich mal zu ihren Gunsten annehme, dass sie nur auf der Durchreise gen Anapurna in Bochum Halt gemacht haben.

Ganz so schlimm sah ich also nicht aus und ich schwöre, mein Outfit war komplett tatzen-frei. Wobei ich zugeben muss, dass im Sommer tatsächlich eine Shorts vom Hersteller der Tatzen-Couture in meinem Schrank gelandet ist und ich die an richtig heißen Tagen wirklich gern getragen habe. Aber das behaltet ihr jetzt bitte für Euch, ja?

Liebe Grüßé
Fran


Kommentare

  1. Tatzencouture :)) Du bist genial Fran.
    Ich musdte von Anfang bis Ende schmunzeln. Bei Rena gings mir schon so... ich glaub das wird heut ein guter Tag :)
    Ich habe riesen Respekt vor der Arbeit unter Tage. Ich könnte das nicht. Bin wohl klaustrophoibsch veranlagt.
    Dein Outfit ist natürlich den Anlass angemessen. Was anderes wär auch echt komisch :)
    Wünsche ein wunderschönes Wochenende, liebe Grüße Tina

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    1. Ich hoffe, es war ein richtig guter Tag :-) Unter Klaustrophobie leide ich nicht, ich fühle mich ganz wohl da unten.

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  2. In einem echten Bergwerk war ich freilich noch nie. Aber in der Bergwerksabteilung des deutschen Museums dafür schon ziemlich oft. Vorzugsweise in den Sommerferien, weils ds so schön kühl ist. Und natürlich interessant. LG Sunny

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    1. Gibt es denn in München keinen Globetrotter mit Kältekammer? Ist in Hamburg ein beliebtes Ausflugsziel, wenn es so richtig heiß ist ;-)

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  3. Ich frage mich immer, ob ich wirklich in den Schacht fahren würde. Das gehört zu den Dingen, die mir erhebliche Angst einjagen. In einen stillgelegten Stöhlen vielleicht.
    Ich habe mich immer gefragt, ob die Männer unter Tage nicht schreckliche Angst gehabt haben und in der Klinik oft welche getroffen, die einfach nicht mehr runter konnten. Was ich gut verstehe.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Stollen gibt es zu Weihnachten, würde der klugscheißende Bergmann jetzt wohl sagen. Und nein, es hat mir gar keine Angst eingejagt, einzufahren. Im Museum schon gar nicht, das sind ja nur ein paar Meter. Aber auch im "echten" Bergwerk fand ich das eher spannend als beängstigend. Die Angst kommt vermutlich, wenn man einmal ein Unglück da unten erlebt hat.

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  4. Wir haben schon einige Bergwerke angeschaut , auch dort wo es direkt abgebaut wird. Muss sagen es ist spannend, aber meins wäre das wegen der Dunkelheit gar nicht. Mein Onkel und einige Bekannte haben im Pütt ihr Geld verdient. Von daher war das ein gegenwärtiges Thema in meiner Kindheit .
    Lg Heidi

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    1. Täglich unter Tage zu arbeiten ist vermutlich schwierig. Vor allem im Winter. Da siehst du Tageslicht nur am Wochenende, wenn du Pech hast.

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  5. Danke für die tolle Führung. Das war bestimmt mega interessant. Ich mag ja solche Unterwelten. Natürlich nur mit funktionaler Kleidung.

    Liebe Grüße Sabine

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    1. Ich fand es sehr interessant, vor allem weil man die Machinen ausprobieren konnte. Ich wollte schon immer mal einen Presslufthammer bedienen :-)

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  6. :-) Liebe Fran,
    ich habe mal Anno Schnee ein Praktikum in Bochum bei den Mannesmann Werken gemacht, die damals Zahnräder hergestellt haben. 14 Tage war ich dort und hab mir geschworen NIEMALS in einer Fabrik zu laden. Dort war es nicht klinisch clean, wie beispielsweise in einer Automobil-Fabrik. Sondern dreckig, staubig und laut. Nach einer Woche wurde ich in eine Test-Werkstatt versetzt. Und die haben dort alle Nase lang gefeiert mit Sekt und Eierlikör. Vielleicht war ein Teil Deiner Gruppe dort???
    Die Gegend ist heute interessant anzusehen. Hast Du mit Deiner "Länge" Probleme unter Tage gehabt?
    Liebe Grüße
    Claudia :-)

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    1. Och, ich habe in den zahlreichen Semesterferien schon Koffer montiert, in einer Kleiderfabrik gearbeitet und in einer Großgärtnerei. Dreckig, staubig und laut kenne ich. Fand ich aber nicht wirklich schlimm.
      Sekt und Eierlikör gab es definitiv nicht. Im Bergwerk ist eher Bier und Korn angesagt.

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  7. Ich muss gestehen, dass mir zu diesen Dingen komplett der Bezug fehlt, so dass ich auch gar nicht sagen kann, ob bei mir im Falle der Möglichkeit, so einen Ort zu besuchen, eher die Klaustrophobie oder doch die Neugier siegen würden. Aber vermutlich Letzteres.

    "Verly low fashion" ist ein schöner Begriff, wobei ich Dein Outfit nicht mal als solche sehen würde, wohl aber die der Herrschaften in ihrer "funktionalen Outdoorbekleidung" mit Trekkingsandalen und Riesenrucksack. Hier in LG laufen die einem übrigens gelegentlich auch mal über den Weg. Aber praktisch ist das Zeug! Habe mich selbst in diesem Sommer gerade noch mit erhobenem Zeigefinger zurückhalten können, nachdem ich mal wieder kein wirklich bequemes Sandalenschuhwerk zum Laufen gefunden hatte ... :-/

    LG
    Gunda

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    1. Ohne Bezug ist das vermutlich schwierig. Ich mag die Gegend ja und kann die Trauer um das Ende des Kohleabbaus in Deutschland Ende des Jahres verstehen. Das ist halt im Ruhrgebiet über 150 Jahre kulturprägend gewesen. Und nun ist Ende.
      Und Tatzencouture ist in der Tat höllisch praktisch. Ich habe mir todesmutig eine Tatzen-Shorts gekauft. Nix trocknet schneller das das Ding. Da war mir das Image dann auch furchtbar egal. Trekkingsandalen habe ich noch nie ausprobiert. Bisher bleibe ich bei meinen Birkenstocks. Auch wenn die dreimal Mega-out sind.

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