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Ist Achtsamkeit nur ein Zirkus?


Wer achtsam lebt, der steht um sechs Uhr morgens auf, duscht eiskalt, wandet sich in nachhaltig selbstgepflückte Hanffasern, bevor er sich einen ökologisch korrekten Tee in einer rituellen Zeremonie braut, auf der Yoga-Matte sein Seelenheil findet und anschließend selbstgebackene Chia-Brötchen ganz achtsam und langsam kaut. Ommend geht man dann an den Schreibtisch, immer bewusst, dass die Tastatur der natürliche Feind des Menschen ist. Daher sind viele Kräutertee-Pausen mit Meditation nötig, um den Arbeitstag achtsam zu gestalten. Abends geht es dann in die Schweigegruppe, bevor der Kleiderschrank noch ein wenig achtsam aufgeräumt und der Tag mit lauter positiven Gedanken beendet wird.


So ähnlich hat die Autorin einer Kolumne das Prinzip Achtsamkeit verwurstet. Vor 15 Monaten hätte ich da noch begeistert eingestimmt und mitgelästert. Der Achtsamkeits-Trend war mir ein Riesenrätsel und was der eine oder andere Influencer draus gemacht hat, war einfach nur hanebüchen. Mein Fazit: Ohne mich. Mein Fehler: Ich habe mich vor diesem Pauschalurteil nicht darüber informiert, was Achtsamkeit eigentlich wirklich ist.


Das habe ich in der Burnout-Tagesklinik dann gelernt. Und auch wenn ich bei der Vorstellung des Programms für die nächsten acht Wochen gleich wieder gehen wollte, weil das eine achtsamkeitsbasierte Therapie war, bin ich doch geblieben. Eine der besten Entscheidungen meines Lebens.


Inzwischen habe ich jede Menge über Achtsamkeit gelernt. Ich bin mit Hilfe von Achtsamkeit wieder gesund geworden. Und ich weiß, dass Achtsamkeit herrlich wenig mit Hanf-Klamotten, Chia-Brötchen, Kräutertee und dem Zwang zu positiven Gedanken zu tun hat.


Das ist eine Vorstellung, die zwar wahnsinnig populistisch-witzig klingt, aber mit dem Prinzip der Achtsamkeit herzlich wenig zu tun hat. Achtsame Menschen sind keine ökologisch korrekten Glücks-Bärchis, die konfettischmeißend durch die Welt ziehen und dabei dauergrinsen. Achtsame Menschen sind allerdings Menschen, die sehr genau wissen, wie es ihnen geht und was sie tun können, wenn es ihnen nicht gut geht.


In der Kolumne wird der Achtsamkeit vorgeworfen, die wirklichen Probleme doch nur mit einer zuckerwatteweichen Decke zu begraben. Das mag stimmen, wenn man Achtsamkeit als Trend-Tinnef sieht wie die Autorin es tut. In Wahrheit deckt Achtsamkeit nicht zu, sondern auf.


Erst mit Hilfe von Achtsamkeit habe ich überhaupt gemerkt, wie es zu meinem Burnout kommen konnte. Ich habe mein Arbeitsverhalten vorher nie hinterfragt. Warum auch? Ich war ja erfolgreich. Redaktionsleiterin einer Tageszeitung - und das als Frau, wo doch massenweise männliche Kollegen den Job gern gehabt hätten. Ich durfte mich doch in meinem Traumberuf Journalistin den ganzen Tag - und wenn nötig auch noch in der Nacht - austoben. Dass das alles zwar von außen nach toller Karriere und viel Spaß aussah, mich aber über Jahre kaputt gemacht hat, habe ich nicht gesehen.


Genausowenig wie ich gewusst habe, was mir wirklich gut tut. Die Frage habe ich mir nie gestellt. Das Gefühl, mir selbst etwas Gutes zu tun, kannte ich tatsächlich nicht. Hatte ich einen materiellen Wunsch, habe ich ihn mir erfüllt. Ob mich das glücklich gemacht hat? Darüber habe ich nie nachgedacht. War halt normal. Ich habe vermutlich selten so dämlich geguckt wie damals, als mir meine Therapeutin gesagt hat, ich soll in den nächsten Wochen nur das tun, was mir gut tut. Ja, was denn? Erbitte detaillierte Handlungsanweisung! Als ich die nicht bekam, hat mich das umgeworfen. WAS sollte ich denn tun?


Tja, und dann habe ich mich in den „Achtsamkeitszirkus“ geworfen. Und habe in winzig kleinen Schritten gelernt, wieder mich selbst zu sehen und zu fühlen. War ich vorher eigentlich nur noch ein leistungsgetriebener Roboter, der nix gefühlt hat, wurde ich plötzlich ich. Ich habe manchmal geheult und noch viel öfter gelacht. Ich habe gemerkt, was mir weh tut. Und ich habe gemerkt, was mir gut tut. Das alles ging ganz langsam. Nach acht Wochen hatte ich zumindest den Anfang gemacht und weil mir das gut tat, habe ich weitergemacht.


Und ob man nun in Hanffasern gewandet auf der Yogamatte turnt oder ob man im High-Tech-Anzug morgens schwimmen geht, ist pupsegal. Statt Kräutertee bin ich immer noch auf Milchkaffee - mit Kuhmilch. Der wird auch nicht rituell gebraut, sondern kommt auf Knopfdruck aus der Maschine. Selbstgebackene Brötchen allerdings, die gibt es häufig. Wenn das Kind welche backt. Chia ist nicht immer drin. Aber manchmal.


Ich gehe auch nicht ommend an den Computer. Aber ich meditiere häufig genug, bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Einfach um zur Ruhe zu kommen. Geschwiegen wird bei mir höchst selten. Schweigsam werde ich nur, wenn ich wirklich schlecht gelaunt bin. Ach, und zur Vorbereitung auf meine Ausbildung zur Achtsamkeitstherapeutin. Da ist ein Schweigeseminar Pflicht. Ich weiß nicht genau, ob ich mich darauf freue. Aber ich bin sehr neugierig darauf. Den Kleiderschrank habe ich über Ostern auch aufgeräumt. Weniger weil das achtsam war als weil er mal wieder dran war.


Ich hüpfe seltenst wie ein Glücks-Bärchi durch die Welt. Aber es kann durchaus auch mal passieren. Dann nämlich, wenn mir etwas Schönes passiert. Am Samstag zum Beispiel, das mein Liebster die ersten Schritte machen durfte. Die Ärzte hatten eigentlich prognostiziert, dass das erst in einem halben Jahr möglich sein würde. Er hat vier Wochen gebraucht. Ich finde, da darf ich vor Freude hüpfen!


Ich habe Negatives nicht aus meinem Glücks-Bärchi-Leben verbannt. Sonst hätte ich mich ja vor vier Wochen trennen müssen. Wer will schon einen Mann mit zwei Schlaganfällen, von dem man nicht weiß, ob er jemals wieder auf die Beine kommt? Ich habe vor einigen Jahren mal auf Instagram eine Influencerin gesehen/gehört, die sich fürchterlich über Menschen mit Rollatoren aufgeregt hat. Solche Menschen möchte sie nicht um sich haben - die sind ihr zu alt und zu negativ. Fand ich damals schon echt schräg. Inzwischen finde ich es einfach nur dumm.


Wie auch immer: Ich lese sogar Nachrichten. Täglich. Und die machen mich nicht zu einem Wrack oder einem negativen Menschen. Ich habe nicht ausschließlich positive Gedanken. Aber wenn meine Gedanken mal negativ sind - dann ist das eben so. Ausschließlich positiv durch die Welt zu hüpfen kann auf Dauer genausowenig gesund sein wie sich und sein Leben ausschließlich schei**, äh sorry suboptimal zu finden. Aber ich kann mit negativen Gefühlen inzwischen gut umgehen.


Das alles hat mich Achtsamkeit gelehrt. Und weil das so ist, möchte ich das künftig auch gern selbst weitergeben. Vielleicht lade ich dann mal die Autorin der Kolumne in einen Kurs ein. Ich fände es toll, wenn sie käme und vielleicht die Erfahrung macht, dass das alles kein Zirkus ist.


Liebe Grüße

Fran

Kommentare

  1. Fehler in der Einleitung: Wer so achtsam lebt, braucht seinen Kleiderschrank nicht aufzuräumen. Der hat immer alles in jeder Sekunde seines Lebens in Ordnung ;).

    Wünsche weiter gute Glücksbärchimomente des Fortschritts!

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    1. Ach Mist. Du hast natürlich Recht. Ich könnte einen Leserbrief schreiben ;-) Wobei: Ich muss meinen Kleiderschrank regelmäßig aufräumen. Obwohl ich achtsam bin. Nur beim Schrank, da übe ich das mit der Achtsamkeit noch. In der Küche klappt das besser, da sind die Schränke aber auch leerer...

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  2. Erst einmal freue ich mich mit dir. Zweit einmal kann dieses ganze öffentlich gelebte Achtsamkeitsgedudel keine Achtsamkeit sein. Denn mal ehrlich: In dem Moment, wo ich hektisch nachmeditiere, meinen Tee so koche und so lebe, achte ich da auf mich? Nö. Sondern darauf, etwas 'anderes' richtig zu machen.
    Die wahre Achtsamkeit besteht für mich darin, auf sich selbst zu hören. Das mag nicht bei allem und immer passen, aber es geht.
    Dir ist nach Schokolade? Es kann sehr achtsam sein, die dann zu essen.
    Ich glaube nach wie vor, dass viele durch alle bestehenden Anleitungen verlernt haben, auf sich selbst zu hören. Womit die wahre Achtsamkeit beginnt. Und was ich mir Gutes tue, das kann und darf für dich etwas anderes sein.
    Darum finde ich deine Therapeutin schon theoretisch klasse.
    Ich bin auch nicht naiv oder im Dauerglücksbärchimodus (oh nein), aber ich weigere mich zeitgleich, alles nur kritisch oder negativ zu sehen. Und ich möchte die kleinen und großen Schönheiten dieses einzigartigen Lebens nicht verpassen oder übersehen (was auch eine Form von Achtsamkeit ist).
    Und deshalb Danke für den schönen und kurzweiligen Text: Denn ja, Achtsamkeit ist wichtig, aber sie sollte sehr individuell sein. Ich hoffe, ich habe mich klar (und achtsam) ausgedrückt.
    Liebe Grüße
    Nicole

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    1. Nachmeditieren - köstlich! Was man morgens nicht schafft, muss man halt nachholen. Ein Widerspruch in sich selbst :-)
      Und ja, letztendlich geht es darum, auf sich selbst zu hören. Nicht auf die neuesten Trends, nicht auf soziale Medien. Auf sich selbst. Das ist schon schwierig genug. Aber äußerst effektiv.
      Es gibt viel zu viele Menschen, die glauben, dass es nur den Glücks-Bärchi-Mode oder den des verzweifelten Existenzialisten gibt. Dazwischen ist so viel Raum, der reicht für alle :-)

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  3. Wow das freut mich total, die Nachricht Deines Liebsten! Yes so läuft es gut. Ich denke weiter an euch und drücke die Daumen. Für mich ist Achtsamkeit einfach nur achtsam zu sein und nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch anderen. Es gibt ja achtsame Menschen die so selbstbezogen sind, dass sie über Leichen gehen. Alle anderen sind egal. Hauptsache ich. Und da gilt es eine Balance zu finden. Du wirst Dich super machen, denn Du hast es erlebt und das hat Dich bewogen Dich beruflich umzuorientieren.
    Das mit der Influencerin und den Menschen mit Rollatoren erschreckt mich. Solchen Leuten müsste man schon dagegen sprechen, ich nehme aber an, da waren ganz viele ihrer Meinung. Beschämend.
    Liebe Grüße Tina

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    1. Stimmt. Achtsamkeit wird von nicht wenigen Menschen in der Tat sehr egoistisch gesehen. Die haben das mit dem achtsamen Umgang mit anderen Menschen nicht so drauf. Der gehört aber eben auch dazu.
      Und ja, man war sich einig, dass Menschen, die sich nur noch mit Rollatoren bewegen können, irgendwie igitt sind. So will "man" nicht werden. Nun ja, wir sehen uns einfach in 20 bis 30 Jahren wieder... :-)

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  4. Mega cool, dass Dein Liebster wieder auf den Beinen ist. Ein toller Erfolg.

    Wäre Achtsamkeit nur Zirkus hätte ich vor 8 Jahren nicht gemerkt, dass ich mit großen Schritten auf einen Burnout zusteuere.

    Und die Influencerin möchte ich mal hören sollte sie eines Tages einen Rollator benötigen. Wirklich schlimm so eine Einstellung.

    Liebe Grüße Sabine

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    1. Ich finds toll, dass du dem Burnout noch ausweichen konntest. Wobei ich meinem inzwischen nicht mehr böse bin. Es hat sich so viel zum Guten verändert, das hat sich dann rückblickend doch gelohnt.

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  5. Hallo Fran,

    wie schön, dass es Fortschritte zu vermelden gibt. Das freut mich für euch!

    Es gibt so viel Leid und Schmerzen, da sieht man vieles heute nicht mehr.
    Achtsamkeit, das muss man wieder erst mal lernen. WIe du schreibt, was deine Therapeutin sagt, nicht zu- sondern aufdecken. Das kann ganz schön lange dauern, je nachdem wieviel Zuckerguss drübergestülpt wurde.Und tut weh.

    Wie mein wunderschön überkronter Zahn. Was nutzt die schönste Krone, wenn darunter der Nerv verrückt spielt und man es vor Schmerzen nicht mehr aushalten kann? Wunderschöne Krone weg und ans Eingemachte, auch wenn es weh tut.

    Euch weiterhin viele Fortschritte,
    viele Grüße,
    Claudia

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    1. A propos: Ich habe freiwillig (!!!) einen Zahnarzttermin gemacht, um etwas überprüfen zu lassen. Obwohl nix wehgetan hat. Das war in der Tat eine Premiere in meinem Leben. Und ich bin zum Zahnarzt gehüpft, als wäre es ein Gang zum Einkaufen. Ich hoffe, das bleibt auch demnächst bei Knochenverpflanzung und Implantat so. Da hab ich doch ein bisschen Bammel davor.

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  6. Es ist wahrscheinlich so wie immer im Leben. Es ist nicht immer so, wie man sich etwas vorstellt. Und genauso gibt es Augenblicke, da will man die Wahrheit nicht sehen. Weil es droht noch anstrengender zu werden, als es eh schon ist...
    Es freut mich, dass es Deinem Freund zusehens besser geht. Ich wünsche ihm weiterhin nur das Beste. So wie Dir auch.
    BG Sunny

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  7. Danke für diesen Artikel 🙌🙌🙌 - ich kann Dich wieder mal SO gut verstehen und Deine Inhalte nachvollziehen (insbesondere den Satz mit den detaillierten Handlungsanweisungen, bitteschön ...)!!!

    Ich übe auch gerade - allerdings mangels Burnout und Co. (gottseidank!!!!!!!!) ohne professionelle Anleitung und deshalb klappt's auch nicht so. Außerdem übe ich nur nur ganz manchmal. Aber immerhin. Ist wichtig, das weiß ich! Aber nicht einfach.

    Alles Liebe
    Gunda

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  8. Du schreibst mir oft aus der Seele bei den Themen Psyche, Achtsamkeit, usw. und kannst es sehr gut "aufdröseln"!!
    Weiterhin alles Gute für Dich und Deinen Liebsten

    Uschi aus Bayern


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